Woche Nr. 8

Heute habe ich mich von meinen Kollegen mit einem schweren Herzen verabschiedet. Ich habe nicht gedacht, dass mir der Abschied so schwer fallen würde. Ich habe spannende Aufgaben erhalten. Die Kollegen waren durchweg immer freundlich und hilfsbereit. Und Wien ist einfach eine unvergleichlich schöne spannende Stadt. Aber alles Schöne hat nun mal ein Ende, wie das Leben so ist.

Ich habe noch diese Woche meine Arbeit mit den Unterlagen der Seeluftwaffe der Geschäftsgruppe Nr. 3 der Marinesektion des kaiserlichen und königlichen Kriegsministeriums während des Ersten Weltkriegs fortgesetzt. Und es endete genau an der Stelle, wo ich selbständig verzeichnen konnte. Weitere Akten mit höheren Rubrikenzahlen (ein alphanumerisches Ordnungssystem des k.u.k. Kriegsministeriums) waren nur grob geordnet. D. h., sie müssen erst nach Rubrikenzahlen umsortiert werden und zu einzelnen Verzeichnungseinheiten zusammengefasst werden. Da ich den Aktenplan des k.u.k. Kriegsministerium nicht kenne, wäre diese Ordnungsarbeit nicht allein zu bewältigen gewesen.

Und es war auch gut so, dass ich an der Stelle aufgehört habe. In den letzten Tagen las ich unzählige Dokumente über Kriegsverluste, mangelnde Versorgung, unvorstellbare Inflation (ich habe irgendwo eine 2000%ige Preissteigerung gelesen. Ich traute meinen Augen nicht…) und Flächenankauf für neue Gräber. Es war das Jahr 1918, kurz vor dem Ende des Ersten Weltkriegs. So viele Leiden zu lesen, zieht schon die Gemüter nach unten. Und die heutige Welt macht denselben Fehler wie damals. Wie man schön sagt, die Geschichte wiederholt sich? Umso wichtiger ist die archivische Tätigkeit, damit die Welt die Vergangenheit nicht vergisst und doch mal über die damaligen Leiden nachdenkt. Aber wer hat heutzutage überhaupt Zeit zum Nachdenken. Mit Nachdenken kann man ja nichts auf Instagram posten.

Knapp 630 Einzelverzeichnungen habe ich durchgeführt. Ich hoffe, dass Historiker und Geschichtsinteressierte gesuchte Akten schneller und treffsicher finden und bestellen können. Ist das nicht ein schönes Gefühl, dass wir einen kleinen Beitrag durch unsere Arbeit leisten können, damit die Welt ein bisschen mehr von der Vergangenheit erfahren wird?
Ich habe zum Schluss mein Büro sauber gemacht. Es sieht so aus, als ob ich nie da gewesen wäre. Aber ich hoffe, dass sich jemand auf das saubere Büro freut, wer das auch sein mag.

Und da ich schon einmal über Gräber gesprochen habe: Wer einen ausgedehnten Spaziergang mag, sollte unbedingt den Wiener Zentralfriedhof besuchen. Am letzten sonnigen Samstag bin ich stundenlang durch den Zentralfriedhof geschlendert. Das war wirklich ein Erlebnis.