Woche Nr. 6

Ich will gar nicht daran denken, dass ich nur noch zwei Wochen Zeit in Wien habe. Ich könnte gleich heulen.
(Nein, die Unterlagen stehen nicht wirklich so in meinem Büro. Ich habe sie zur Dramatisierung symbolisch hochgestapelt. Und sie sind nur ein Bruchteil des Bestandes)

Die Seeluftwaffe der Geschäftsgruppe Nr. 3 der Marinesektion des kaiserlichen und königlichen Kriegsministeriums hat während des Ersten Weltkriegs sicherlich aufgrund des Krieges umfangreiche Unterlagen hinterlassen. Wie ich beim letzten Bericht geschrieben habe, verzeichne ich die bereits erschlossenen Unterlagen mit mehr Angaben und neuen Aktentiteln nach. Ich muss zugeben, dass es ziemlich mühsam ist, da Wörter aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts nicht unbedingt meine Stärke sind. Kennt jemand das Wort "Ärarialschuld"? Das war damals ein Militärbegriff. Heute würde man "Dienstvergehen" schreiben. Solche Begriffe muss ich beim Lesen verstehen… Und wenn sie dann auch noch in schwungvoller Kurrentschrift geschrieben sind, konnte ich oft minutenlang Blätter betrachten, ohne ein einziges Wort zu verstehen. Aber gelegentlich stoße ich auf maschinell geschriebene Schriften, die handgeschriebene Texte wortwörtlich transkribierten. Diese sind wirklich eine willkommene Rettung. Trotz all dieser Schwierigkeiten lese ich die Unterlagen mit großer Freude. Ich erlebe den Ersten Weltkrieg sozusagen hautnah.

Inhaltlich lernte ich gerade auch eine ganz andere Seite des Kriegs kennen. Wenn wir an Krieg denken, haben wir sofort grausame und furchterregende Bilder vor Augen. Aber auf der administrativen Ebene spiel(t)en solche emotionalen Bilder kaum eine Rolle. Aus der Sicht des Kriegsministeriums war ein Krieg im Grunde ein Verwaltungsakt. Jeder Kriegsbedarf, sei es ein Kochgeschirr oder ein Flugzeug, wurde ausgeschrieben, offeriert und bezahlt. Und später ärgerten sich alle Beteiligten über festgestellte Mängel bei Lieferungen und stritten über ausstehende Restzahlungen. Es ist irgendwie verständlich, dass der Krieg auch ein Verwaltungsvorgang war, aber es ist gleichzeig erschreckend festzustellen, dass all die Verwaltungsvorgänge so mechanisch abliefen wie in Friedenszeiten. Vielleicht sollte ich nicht zu viel hineininterpretieren…

Um weitere Kriege zu verhindern, sollten wir erneut über den Sinn der Demokratie nachdenken und dankbar sein, dass wir nicht in einer kriegstreibenden Autokratie leben. In diesem Sinne war die Führung durch das Österreichische Parlament ein sehr schönes Erlebnis.